
Martina
Wengenroth, Maria Blatow, Peter Schneider
Ich höre was, was Du nicht hörst! Am
nationalen Musikworkshop im November 2007 haben 15 WBS-Kinder und 4
Geschwisterkinder bei einem Kurztest zur musikalischen Begabung ihr
Können
unter Beweis gestellt- und... nicht nur super abgeschnitten, sondern
auch noch
Spaß dabei gehabt!
Jeder Mensch hört anders und weist ein individuelles Hörprofil auf! Und in Abhängigkeit davon wie man Töne und Klänge wahrnimmt, bevorzugt man unterschiedliche Instrumente und Musikrichtungen.
Harmonisch komplexe Töne wie beispielsweise der Klang von Glocken oder eines Gongs sind aus unterschiedlichen Komponenten aufgebaut- einem Grundton und einem breiten Spektrum von verschiedenen Obertönen. Manche Menschen nehmen vor allem den Grundton eines Klanges wahr (Grundtonhörer), während andere ein Klanggemisch hören und wieder andere nahezu ausschließlich die verschiedenen Obertöne (Obertonhörer). So kann es sein, dass sich die subjektiv wahrgenommene Tonhöhe ein und derselben Tons bei verschiedenen Hörern um bis zu vier Oktaven unterscheidet!
Um die individuelle Klangwahrnehmung zu messen, hat der Heidelberger Physiker und Kirchenmusiker Peter Schneider einen Test entwickelt, mit dem man das individuelle Hörprofil bestimmen kann. Mittlerweile wurden mehr als 3000 Probanden mit dieser Methode untersucht- interessanterweise gibt es anteilig etwa gleich viele Grund- und Obertonhörer. Grundtonhörer sind eher Rhythmus-orientiert und bevorzugen Instrumente, die kurze, perkussive Töne produzieren (Schlagzeug, Gitarre, Klavier, Trompete, Querflöte oder hohe Soloinstrumente). Obertonhörer wiederum mögen klangfarbenreiche, weiche Instrumente, deren Obertöne im gut hörbaren Frequenzbereich liegen (Orgel, Chorgesang, tiefe Streich-, Blech oder Holzblasinstrumente). Auch hinsichtlich des Musikgeschmacks unterscheiden sich die beiden Hörtypen: Grundtonhörer mögen’s eher schwungvoll und rhythmisch betont und sind typischerweise große Fans von Rock und Pop, während Obertonhörer zarte Klangfarbenänderungen wahrnehmen und eher Jazz, Oper und „klassische“ Musik bevorzugen.
Musik und Gehirn
Unsere früheren Untersuchungen an Profi- und Amateurmusikern haben gezeigt, dass sich die individuellen Höreigenschaften in der Struktur des Gehirns widerspiegeln und ablesen lassen. Dabei spielt insbesondere der über den Ohren gelegene Teil der Schläfenlappen eine zentrale Rolle, der für die Verarbeitung von Klängen und Tönen zuständig ist, die sogenannte „Hörrinde“. Diese ist bei musikalisch begabten Menschen bis zu dreimal so groß, was vermutlich auf die Veranlagung und nicht etwa auf einen Trainingseffekt zurückzuführen ist (übrigens eine Behauptung, die bislang noch niemand beweisen konnte- was aber zu den Zielen der Heidelberger Musikalitätsstudie gehört!). Weiterhin ist die Hörrinde im Seitenvergleich bei Grundtonhörern links und bei Obertonhörern rechts größer. Das wundert einen auch nicht, wenn man weiß, dass die linke Hörrinde für die rasche zeitliche Verarbeitung zuständig ist (Rhythmus!), während Spektralfrequenzen und Klangfarben (Obertöne!) auf der rechten Seite verarbeitet werden. Das heißt also in anderen Worten, dass sich sowohl die musikalische Begabung als auch die Klangwahrnehmung im Gehirn widerspiegelt und man sozusagen am Gehirn eines Menschen erkennen kann, welche Musik und welche Instrumente besonders gut zu der Person passen!
Hier spielt die Musik! Musikbegeisterung beim Williams-Beuren Syndrom
Kinder und Erwachsene mit WBS sind auf faszinierende Art von Musik begeistert! Sie stimmen sofort mit ein, wenn irgendwo gesungen wird, kennen viele Lieder auswendig, trommeln gern und bleiben gebannt stehen, wenn eine Musikkapelle in der Stadt aufmarschiert. Auch wenn das Erlernen eines Musikinstrumentes aufgrund von motorischen und kognitiven Defiziten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein kann, spielt Musik bei WBS’lern eine ganz zentrale Rolle. Oft werden neue musikalische Ausdrucksformen gefunden, bereits Gehörtes wird komplett ohne Noten nachgespielt und wenn die Begeisterung vollends überhand nimmt, dann wird zur Musik getanzt, dass der Boden nur so wackelt (übrigens sehr schön beschrieben in dem Buch von Oliver Sacks "Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn"). Vor allem das gemeinsame Musizieren und Musik-Erleben, die soziale Komponente, ist für WBS’ler ganz besonders wichtig- wie wir an den vielen vom WBS-Verband organisierten Musikworkshops und –freizeiten sehen können!
In der Heidelberger Musikalitätsstudie untersuchen wir, welches Hörprofil Kinder und Erwachsene mit WBS aufweisen und wie sich ihre bemerkenswerte Musikbegeisterung im Gehirn widerspiegelt.
Auf dem nationalen Musikworkshop im November 2007 haben wir die musikalische Begabung von 15 WBS-Kindern und 4 Geschwisterkindern im Alter von 7-18 Jahren gemessen. Das Ergebnis war so beeindruckend wie erfreulich: auch wenn es manchmal an der Konzentrationsfähigkeit haperte, denn aus Zeitgründen haben wir einen Gruppentest durchgeführt, hatten sowohl die WBS-Kinder als auch ihre Geschwister gute bis sehr gute Testergebnisse!
Seitdem haben wir in der Abteilung Neuroradiologie der Universitätsklinik Heidelberg viel Besuch von WBS-Familien bekommen- mittlerweile haben mehr 30 Kinder an der Musikalitätsstudie teilgenommen, etwa die Hälfte davon mit Williams-Beuren-Syndrom.
Wir waren selbst sehr überrascht, als wir feststellten, dass die WBS-Kinder ein ziemlich einheitliches Hörprofil aufweisen- und zwar haben wir es hier mit Rhythmus-orientierten Grundtonhörern zu tun! Das passt auch zu den Angaben über Musik- und Instrumentenvorlieben bei WBS (Volksmusik, Rock, Schlager und Schlagzeug, keyboard). Wie auch bei den zuvor gemessenen Profimusikern haben wir nach den MRT und MEG Messungen korrelierend zu der dominanten Grundton-Wahrnehmung bei WBS-Kindern eine kräftige linke Hörrinde und hier eine dominante neuronale Aktivierung gefunden. Insgesamt ist die Hörrinde auf beiden Seiten bemerkenswert voluminös, was wir als Korrelat zur veranlagten Musikalität interpretieren.
Um die bisherigen Ergebnisse noch zu verfestigen, müssen allerdings noch viel mehr Probanden an der Studie teilnehmen. Deshalb freuen wir uns über alle WBS-Familien, die uns einen Nachmittag in Heidelberg besuchen möchten, um mehr über ihr eigenes Hörprofil zu erfahren. Wer die Anreise oder die Untersuchungen scheut, kann den Test zum Hörwahrnehmung (Grund- und Obertonhörertest) auch zu Hause am eigenen Computer durchführen. Der Test dauert nur 5 Minuten und kann sowohl von Kindern als auch Erwachsenen spielerisch durchgeführt werden. Natürlich sind auch die Geschwister und Eltern der WBS-Kinder herzlich eingeladen, an den Testungen teilzunehmen!
Was muss ich tun, wenn ich an der Heidelberger Musikalitäts-Studie teilnehmen möchte?
Martina Wengenroth (MD)
Abteilung Neuroradiologie
Neurologische Klinik der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg
Email: martina.wengenroth@med.uni-heidelberg.de


Mit dem MRT-Gerät kann man absolut schmerzfrei und ohne
Röntgenstrahlen das Gehirn
untersuchen. Wegen des „Astronautenhelms“ und den rhythmischen
Klopfgeräuschen während der Messung, stellen sich manche Kinder während der
Untersuchung vor, sie würden in einer Rakete fliegen...
Im MEG kann man sich gemütlich einen Stummfilm anschauen, während die Gehirnströme beim Anhören von Melodien über eine Art „Friseurhaube“
gemessen werden. Bei beiden Untersuchungen ist es wichtig, dass man sich währenddessen
nicht bewegt.
